Veranstaltung:
nachtLESE - live im Jugendkulturzentrum Lahnstein
während der Weinachtsfeier der Lahnsteiner Musikszene am 17.12.2005
In der Reihenfolge der Lesung:
Sublimierung, Sehnsucht gelesen von Dieter Schwan
Erfahrung gelesen von Jacqueline Röhm
Gedicht, Sehnsucht II gelesen von Mike Scholl
Gelesen aus dem Buch Ernst Mietz Hai Teer von Dieter Schwan
Musikalische Improvisation zur Lesung:
F.O.S.
Voc: Jaqueline Röhm
Git: Gerd Stein
Keys: Josef Ferger
Drums: Walter Nouvortne
Bass: Jürgen Hierse
Website: F.O.S.
Sublimierung
Der Yogi mag die Yoni nicht,
oft übt er sich so in Verzicht.
Und wenn sein Lingam Yoga treibt,
stundenlang so stehen bleibt,
macht er zur Tugend seine Not,
meditiert er wär ein Baum,
ein Fels, ein Stein oder ein Boot,
wird zum Sturm, zum Wellenschaum,
zum Strand, zur Brandung, selbst zur Gischt
und fühlt gar Spritzer im Gesicht.
Ist so die Spannung überwunden,
geht?s ihm gut für viele Stunden.
So lernen wir aus der Geschicht:
Ein Yogi braucht die Yoni nicht.
Sehnsucht
Es geschah beim Rasieren vor dem Spiegel, dass sich gelbrote Flammenzungen aus meinen Fersen schlängelten.
Mein Herz öffnete sich einen Spalt und Wasser floss heraus, das Wort Sehnsucht bildend, teilte sich über meiner Scham und floss an meinen Beinen den bunten Zungen entgegen.
Die oberflächengespannten Finger des Wassers griffen nach den Zungen und vereinigten sich mit ihnen, zischend Dampf erzeugend in einem alles umhüllenden Tanz.
Mir wurde wohlig warm,
meine Haut rötete sich
und das Rasiermesser glitt wie von selbst über samtweiche Wangen, schnitt scharf die kratzenden Auswüchse.
Und langsam verlor sich Bewusstes in Wärme und Nebel,
während der Fluss der Worte bildenden Empfindungen,
sich weiterhin dampfend vereinigend, zur mich wärmenden Hülle sich formte.
Sehnsucht, vom tiefen Blick in grünes Licht,
in leuchtende Tiefe erzeugt.
Nie mehr vergessend den Zauber,
blies ich deinen Namen in den Nebel,
atmete und schürte die Zungen,
kühlte den Dampf,
der kondensierend sich neu verwandelte,
sich ausbreitete
und den Raum mit geflossenem Fühlen füllte.
Erfahrung
Wenn zwei sich finden,
dann noch binden,
sie sein gewarnt,
denn gut getarnt
schleicht sich die Liebe heimlich weg.
Sie erfüllte ihren Zweck.
Das ganze ist ja gut bekannt,
Ehealltag wird?s genannt.
Als Katzenjammer, Langeweile,
treibt Gewöhnung ihre Keile
in das, was anfangs Liebe war.
Man lässt am andern kein gut Haar,
streitet, hat vergessen wies begann,
beide, Frau und Mann.
Doch will ich niemanden belehren,
möcht nicht mahnen, nichts erklären,
möcht nicht einmal den Finger heben,
kluge Sprüche von mir geben.
Denn die Moral von der Geschicht:
man kennts, jedoch man glaubt es nicht.
Gedicht
Ich geh dicht an der Wand,
Stein an Stein
und ritz mit meiner Hand
Worte, Verse ein.
Und wie es wächst,
noch unbekannt,
fast wie verhext.
Gedicht an der Wand
Sehnsucht II
Sonnenschein, die Luft so lau,
der Himmel dunstig, leicht hellblau,
kurze Schatten, Pollen fliegen,
möcht? draußen gerne mich vergnügen.
Doch eine Allergie durch Pollen hindert mich, herumzutollen.
Da bleib ich besser drin, im Haus,
schau mit geschwollner Nase raus. |